Ein Abend im Jahre 1910

Datierung
1972
Beschreibung
Ein goldgelber Himmel, orangerote Wolkenstreifen, darunter ein nachtblaues Haus am See, flankiert von dunklen Bäumen. Die Farben wirken verkehrt wie ein Negativ, ein Nachbild auf der Netzhaut. Und die Bildoberfläche imitiert Kacheln, ohne dass dafür ein Grund erkennbar wäre. Auch der Titel gibt Rätsel auf. Weshalb erinnert man sich an einen bestimmten Abend 62 Jahre vor Entstehung des Bildes und weshalb bleibt dieser Abend so ereignislos? Meret Oppenheim knüpft die losen Enden nicht zusammen. Die Widersprüche bestehen, und das Bild hält sie aus. Am überzeugendsten ist der Gedanke, dass Oppenheim einer inneren Vorstellung folgte – wie sie es oft tat – und dafür bewusst eine vereinfachende, fast naive Malweise in Kauf nahm. Die Kunsthistorikerin Christiane Meyer-Thoss beschreibt solche Werke als Ideenträger, die aus geistiger Intimität mit ihrer Schöpferin entstehen und im universalen Gedächtnis wurzeln. Sie erinnern an Bilder, die es gar nicht gibt – Meyer-Thoss denkt hier an ein Gemälde von Edvard Munch, das nie existiert hat. «Ein Abend im Jahre 1910» lebt in diesem Zwischenreich: Es ist Echo, Nachklang, Erinnerung und ein eigensinniger Solitär im Werk Meret Oppenheims. Originalbeitrag von Kathleen Bühler in: Kunstmuseum Bern (Hg.), Merets Funken. Die Sammlung Gegenwartskunst 2, Kerber Verlag: Bielefeld, 2013, S. 200.
Technik
Öl und Lackfarbe [Alkydharz] auf Hartfaserplatte [Pavatex für Kachelimitation], von der Künstlerin restauriert, Originalrahmen, Lackfarbe auf Holz [Fichte]
Masse
50,2 × 65 cm (Bildmass)
Creditline
Kunstmuseum Bern, Legat Meret Oppenheim
Status
nicht ausgestellt